Geschichte der Sächsischen Posaunenmission SPM

Aus Anlass des Gesamtdeutschen Posaunentages 31.5./1.6. 2008 in Leipzig


Die Musik ist ein wesentlicher Bestandteil des Gemeindelebens christlicher Kirchen. Das Lied, der Choral, und damit das Singen, spielen eine bedeutende Rolle. Der Kantor, „Vorsänger“, nutzt Instrumente zur Begleitung der Gemeinde, ihr das Singen zu lehren und es zu fördern. Dabei gilt seit Jahrhunderten besonders die Orgel als „Königin“ unter den Instrumenten. In aktiven Gemeinden bestehen darüber hinaus Kirchenchöre, Kantoreien und Instrumentalgruppen.

Knapp 500 evangelisch-lutherische Kirchgemeinden in Sachsen, darüber hinaus weitere freikirchliche Gemeinden wie Baptisten, Herrnhuter und Methodisten haben heute, ehrenamtlich tätig, einen eigenen Posaunenchor. Diese Bezeichnung hat sich im Laufe der Jahrzehnte eingebürgert, bedeutet aber nicht, dass nur Posaunen musizieren. Nein: insbesondere Hörner, Trompeten und Posaunen vereinen sich hier zum mehrstimmigen Chorklang. Der Name geht zurück auf vor mehr als 200 Jahren in der Lausitz bestehende kirchliche Laiengruppen, die „Chor Posaunen“ genannt wurden und deren Instrumentarium wirklich nur aus Posaunen bestand. Hier bedarf es weiterhin der Forschung zur Beantwortung der Frage, ob die Posaunenchöre in Sachsen in Fortführung der Bläserarbeit in der Lausitz oder nach einer Zäsur nach dem Vorbild der Chöre im Minden-Ravensburger Land (Westfalen) neu gegründet wurden. Wie dem auch sei: der Theologe und Musikwissenschaftler Dr. Wolfgang Schnabel behauptet in einem Vortrag, den er u.a. 1991 vor leitenden Personen der SPM bei einer Tagung in Schmiedeberg, Osterzgebirge, hielt und der auch gedruckt vorliegt, dass der sächsische Bläserverband, der 1997 mit 4800 Bläsern beim 52. Landesposaunenfest in Leipzig 100 Jahre SPM feierte, schon im ersten Drittel seines Bestehens „...zum blühendsten und geschlossensten Verband in ganz Deutschland ausgebaut...“ wurde. Wie kam es dazu? Unter Leitung des damaligen Theologiestudenten Adolf Müller (1876-1957) hatte der Posaunenchor der Markuskirche in Leipzig - Reudnitz beim 1. Sächsischen Posaunenfest am 23. Mai 1897 in Chemnitz mit dem Siegesmarsch von Georg Friedrich Händel „den Vogel abgeschossen“. Der Bundesvorstand des Verbandes der Ev.-luth. Jünglingsvereine im Königreich Sachsen, dem die Chöre unterstanden, muss von Müllers Fähigkeiten so überzeugt gewesen sein, dass er ihn mit der Leitung des 2. Posaunenfestes 1898 in Glauchau beauftragte. Damit war Müller de facto Bundesposaunenmeister, sollte es bis 1933 bleiben und das Werk entscheidend prägen. Dies geschah insbesondere durch die Herausgabe von Notenblättern, u.a. mit eigenen Kompositionen, einer Bläserschule, alten Bläsermusiken und Notenbüchern, mit denen er die bis heute gültige Art der Posaunenbücher schuf, weiterhin durch Chorleiterkurse, durch Programme für die Bläsereinsätze, durch thematische Auseinandersetzung mit vielen Problemen des Musizierens in Posaunenchören und durch die Weiterführung der jährlichen Posaunenfeste, bei denen er die Chöre sammelte. Aber auch die Bildung von Bläserquintetten, –quartetten und –sextetten, die als Modellchöre zu verstehen sind und die durch das In- und Ausland, die weiteste bekannte mit einem AUDI „Alpensieger“ ins Berner Oberland, reisten, entspringen seinen Aktivitäten. Diese Reisen, bei denen viele Anhänger für den volksmissionarisch-christlichen Auftrag und die Bläserarbeit gefunden wurden, waren ein wichtiger Schritt zur Belebung von Müllers Bemühungen. Sie gipfelten damals in einer Einladung des Oberbürgermeisters der Stadt Frankfurt/M., zur Internationalen Musikausstellung 1927, bei der das erweiterte sog. Landessextett an mehreren Tagen regelmäßig auf dem „Römer“ und als besondere Auszeichnung im Rundfunk blies. Durch die Wirren des Krieges gibt es keine akustischen Aufnahmen aus dieser Zeit mehr, wohl aber ein Programm. Mit dieser Öffentlichkeitsarbeit wurde die Aufmerksamkeit auf eine Arbeit gerichtet, die Berufsmusiker anfänglich wegen ihrer mangelnden Qualität sehr hinterfragten. Das Landesextett existierte als haupt- bzw. nebenamtliche Gruppe bis in die 1980iger Jahre.

Die Mühe lohnte sich, der Einsatz für die Posaunenchöre trug Früchte: beim Landesposaunenfest 1926 in Leipzig trafen sich erstmals 1000 musizierende Teilnehmer. Landauf, landab fanden aber viele weitere, kleinere Feste statt, bliesen Chöre auf Türmen und Plätzen, in Krankenhäusern und Gefängnissen, auf Friedhöfen und in Heimen, bei freudigen und traurigen Anlässen, wie sie es noch heute tun. Ein Beispiel soll hier für viele die Wirkung dieser Arbeit unterstreichen. Vor der Strafvollzugsanstalt Hoheneck - Stollberg / Erzgeb., des berüchtigten Frauengefängnisses, blies am Neujahrsmorgen 1954 unter Leitung des damaligen Kantors Gerhard Richter der Posaunenchor. Winken mit Bettlaken und Dankessprechchöre sowie ein später Dankesbrief der Insassinnen waren der Lohn für einen mutigen, von einem Anstaltsoffizier beendeten Einsatz, der selbst 1991 beim Treffen des Frauenkreises der ehemaligen Hoheneckerinnen e.V. noch Gesprächsstoff bot.

Mit der Erhöhung der musikalischen Qualität waren die Posaunenchöre zunehmend in Kirchen zu hören, dort, wo sie meist ihre Heimstatt, Bindung und Versammlungsstätte zum Üben und zu geistlicher Zurüstung finden.

Der 2. Weltkrieg schlug auch den Posaunenchören tiefe Wunden. Teilweise waren Bläser mit ihrem Instrument aufs Schlachtfeld gezogen, viele kehrten nicht zurück. Die Arbeit kam fast völlig zum Erliegen und musste mit großen Mühen unter schwierigen Bedingungen neu aufgebaut werden. In vielen Kirchgemeinden waren Neugründungen der Chöre erforderlich. Mit einer Männerdomäne wurde gebrochen, in dem, wie vor dem Kriege bereits zögerlich, immer mehr Frauen Zugang zu den Chören fanden. Die politischen Verhältnisse im Osten Deutschlands waren den Chören nicht sehr förderlich. Man verbannte sie größtenteils auf kirchliches oder Privatgelände, um sie von der Öffentlichkeit fern zu halten. Eine neue Leitungsgeneration trat beinahe auf allen Ebenen an. Trotz aller Schwierigkeiten wuchs das Werk aber weiter. Bis 1974 gehörte zeitweise auch die Posaunenmission der Kirche des Görlitzer Kirchengebietes, später Posaunenmission der Schlesischen Oberlausitz, zur SPM. Herausragende Veranstaltungen waren nun u.a. das Posaunenfest 1966 in Dresden mit 2600 Bläsern, die Dresdner Bläsertage 1980 (5600), und das 50. Landesposaunenfest 1987 in Leipzig mit 4500 Bläsern, das bereits in voller Länge vom Fernsehen der DDR übertragen wurde. Insgesamt gesehen war die Veranstaltungen ein Bekenntnis der Organisatoren und ihrer Teilnehmer gegenüber der atheistischen Staatsführung.

Der Kontakt zwischen den Werken, die in Ost und West posaunenmissionarisch tätig waren, riss in Zeiten der Teilung Deutschlands nie ab. So war Landesposaunenpfarrer Christoph Müller, Adolf Müllers zweiter Sohn, seit 1961, dem Jahr des Baues der „Berliner Mauer“, stellv. Obmann des Posaunenwerkes der Ev. Kirche in Deutschland, aus dem 1994 der Evangelische Posaunendienst in Deutschland e.V., der Dachverband aller evangelischen Posaunenchöre mit ca. 120.000 Bläserinnen und Bläsern, hervorgehen sollte.

Heute gehören die ev.-luth. Posaunenchöre in Sachsen in die Rechtsträgerschaft der örtlichen Kirchgemeinden und sind zusammen geschlossen in der SPM e.V. mit Sitz in Radebeul, wo die Leitung seit Kriegsende untergebracht ist. Dort geschieht alle zentrale Organisation, von dort erhalten die Chöre Unterweisung durch hauptamtliche Musiker, Posaunenwarte genannt, und nutzen die vielfältigen Angebote der Geschäftsstelle, wie Instrumentenverkauf, Notenherausgabe und -verkauf, Freizeiten u.v.A. Das Werk steht nach alter Tradition unter Leitung eines Landesposaunenpfarrers, heute Pfarrer Dr. Jochen Hahn, Enkelsohn des sächsischen Bischoffs Hugo HahnahnHahnH.

2008 wird es ein erstes gesamtdeutsches Posaunenfest geben, Sachsen und Leipzig sind Gastgeber. Bereits 1936 in Bethel/Bielefeld und 1956 in Dortmund gab es ähnliche Veranstaltungen, die aber durch unzureichende Reisemöglichkeiten bzw. die Teilung Deutschlands nicht allen Interessenten zugänglich waren. Und auch in Leipzig wird es wieder so sein, wie es von alters her üblich ist: Bläser und Bläserinnen aller Stände und jeden Alters, die viele Opfer an Zeit und Geld bringen, musizieren miteinander. Durch gemeinsame Übungsmethoden und Notenliteratur bestehen keinerlei Kommunikationsprobleme, ob die Teilnehmer nun aus Bonn oder Bautzen, Bremen oder Amberg kommen. Sie werden die verschiedensten Arten von Musik vortragen. Im Mittelpunkt aber wird der Choral und der Dank und das Gotteslob stehen! Das Motto der Sachsen für die 100-Jahrfeier ihres Werkes 1997 bringt wohl den Inhalt der zurückliegenden Arbeit auf den Punkt: „Gott danken macht Freude – Gott danken bringt Freude – Gott danken ist Freude! (kem.)

Literaturquellen:

- Frieß/Eismann, Handbuch für Posaunenchorleiter, buch&musik 1995
- Schnabel, Drei große Förderer der evangelischen Posaunenchorbewegung, Universitätsverlag Dr .N. Brockmeyer, Bochum 1994
- Schlemm, H.-D., Beiträge zur Geschichte ev. Posaunenarbeit , Lieferung. 2, Gütersloher Verlagshaus Gerd Mohn 1991
- Wolfram, Adolf Müller – Der Vater der Posaunenmission, Schriftenarchiv der Gesellschaft Christlicher Bläserfreunde, Sippel Musikverlag Vellmar 1985

Verfasser: Karl-Ernst Müller, Zwickau, Wilhelmschachtweg 18, Tel. 0375 296732, Enkel von Adolf Müller, geb.1947 in Glaubitz/Riesa an der Elbe, Elektro-Monteur, Dipl.-Ing.(FH), von 1990 bis 2005 Leiter des Ordnungsamtes der Stadt Zwickau, 2005 Vorruhestand, jetzt Rentner, 2006 Bundesverdienstkreuz, seit 1959 Bläser, 1977 Chorleiter in Zwickau-Marienthal, 1991 Ephoralchorleiter im Kirchenbezirk Zwickau, seit 1991 Mitglied im Landesposaunenrat der SPM e.V., 1991 – 2003 Vorstandsmitglied und stellv. Vors. bzw. 2000 – 2003 Vorsitzender der SPM und gleichzeitig Mitglied im Posaunenrat des Ev. Posaunendienstes in Deutschland
(Bearbeitungsstand 25.03.2008)